Karrieregeil? Ja, bitte!

Über ein erstaunlich aufgeladenes Wort und den Wunsch, beruflich mehr zu gestalten.

Bei einem Networking-Event erzählt mir eine Frau von einem Projekt, das sie gern übernehmen würde. Sie hat Erfahrung, Ideen und ziemlich offensichtlich Lust darauf. Dann senkt sie die Stimme ein wenig und sagt: „Ich will nur nicht so karrieregeil rüberkommen.“

Nach außen frage ich: „Was genau wäre daran schlimm?“

Innerlich suche ich bereits mein imaginäres Megafon.

Nicht, weil nun jede Frau Führungskraft werden, ein Unternehmen gründen oder ihre Freizeit in Excel planen müsste. Sondern weil aus „Ich möchte diese Chance“ offenbar immer noch erschreckend schnell ein Charakterverdacht werden kann. Als hätte sie gerade angekündigt, den Konferenzraum feindlich zu übernehmen.

Was ist an Ehrgeiz eigentlich so anstößig?

Du möchtest ein Projekt leiten. Mehr entscheiden. Besser verdienen. Mit deiner Erfahrung nicht ewig auf der Ersatzbank sitzen. Das sind berufliche Wünsche, keine Hinweise auf einen fragwürdigen Charakter.

Trotzdem überlegen manche Frauen sehr genau, wie sie solche Wünsche formulieren. Das ist nicht automatisch mangelndes Selbstvertrauen. In manchen Umfeldern macht es einen Unterschied, wer offen sagt, dass er Einfluss möchte – und wem man daraufhin empfiehlt, doch bitte „auf dem Boden zu bleiben“.

Du musst das Wort „karrieregeil“ nicht für dich übernehmen, wenn es dir nicht gefällt. Ich mag an der provokanten Version nur eines: Sie macht hörbar, wie absurd es ist, sich für einen ganz normalen beruflichen Anspruch zu entschuldigen.

Ehrgeiz kann heißen, etwas aufzubauen, Verantwortung zu übernehmen oder wirtschaftlich unabhängiger zu werden. Er kann auch heißen, eine fachliche Laufbahn anzustreben, statt ein Team zu führen. Deine Ambition muss nicht aussehen wie die Person auf dem Werbeplakat, die um 5 Uhr morgens bereits drei Unternehmen gegründet hat.

Ein größerer Titel ist noch keine gute Karriere

Wer mehr will, darf auch genauer hinsehen. Was gehört zur neuen Rolle? Welche Entscheidungen darfst du treffen? Welche Unterstützung, Zeit und Vergütung kommen mit der zusätzlichen Verantwortung?

Ein schicker Titel ohne Einfluss, Ressourcen oder passende Bedingungen ist nicht automatisch ein Aufstieg. Manchmal ist es einfach derselbe übervolle Kalender mit einer besseren Signatur.

Deshalb musst du bei einer Chance weder bescheiden abwinken noch begeistert zugreifen, bevor du weißt, was darin steckt. Du kannst deinen Wunsch klar benennen und Bedingungen mitverhandeln: „Ich möchte die Leitung des Projekts übernehmen. Dafür müssen wir klären, welche bisherigen Aufgaben wegfallen und welche Entscheidungen bei mir liegen.“

Das klingt weniger nach Raketenstart als mein inneres Megafon. Es ist allerdings sehr viel nützlicher.

Und falls du eine Position gerade nicht willst? Auch das ist eine Entscheidung. Du musst niemandem beweisen, wie ehrgeizig du bist, indem du eine Rolle annimmst, die nicht zu deinen Zielen oder deinem Leben passt.

Also ja: Will mehr, wenn du mehr willst. Sag es, wenn du es sagen möchtest. Und frag nach den Bedingungen. Das Megafon hole ich erst heraus, wenn wieder jemand so tut, als wäre dein Ehrgeiz ein Geständnis.