Ich habe mich selbst vergessen - irgendwo zwischen allen Rollen

Wenn du für vieles da bist und dich selbst in deinem Kalender kaum noch findest.

„Wie geht’s dir eigentlich?“

Du willst antworten – und lieferst stattdessen einen Statusbericht. Das Projekt ist dringend. In der Familie steht ein Termin an. Einer Freundin wolltest du längst zurückschreiben. Ach ja, und für das Geschenk am Wochenende hat natürlich auch noch niemand eine Idee.

Die Frage war, wie es dir geht. Du hast gerade die Lage aller anderen zusammengefasst.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du bist Kollegin, Tochter, Freundin, vielleicht Mutter oder Partnerin. Einige dieser Rollen liebst du. Andere gehören einfach zu deinem Leben. Aber irgendwann ist jeder Platz darin mit einer Aufgabe belegt – und dein eigener Name steht im Kalender vor allem beim Zahnarzt.

Dann klingt „Ich habe mich selbst vergessen“ erschreckend treffend. Es muss aber nicht heißen, dass irgendwo eine geheimnisvolle frühere Version von dir verloren gegangen ist. Vielleicht ist dein Alltag schlicht so voll geworden, dass für deine Interessen und Gedanken kaum noch Platz bleibt.

„Ich kann das“ wird „Ich bin zuständig“

Viele Zuständigkeiten entstehen ohne offizielle Übergabe. Du hast einmal geholfen, also fragen beim nächsten Mal wieder alle dich. Du kennst dich aus, also behältst du den Überblick. Du merkst früh, wenn etwas fehlt – und ehe du dich versiehst, gehört das Bemerken gleich mit zu deinem Aufgabenbereich.

Gerade das Mitdenken ist leicht zu übersehen. Es geht nicht nur darum, einen Termin wahrzunehmen. Jemand muss ihn vereinbaren, daran denken, andere informieren und einen Plan B haben, falls er ausfällt. Wer nur auf die sichtbare Erledigung schaut, übersieht die halbe Arbeit.

Rollen können trotzdem schön und wichtig sein. Du musst deine Familie nicht weniger lieben, eine schlechte Freundin werden oder im Job plötzlich auf Durchzug schalten. Es lohnt sich nur zu fragen, wann aus Nähe oder Verlässlichkeit eine Dauerzuständigkeit geworden ist, über die nie jemand gesprochen hat.

Und nein: Nicht alles lässt sich mit einem beherzten „Dann mache ich das eben nicht mehr“ lösen. Kinder müssen versorgt werden, Arbeit muss erledigt werden, manche Menschen brauchen Unterstützung. Die Frage ist, warum so vieles automatisch bei derselben Person landet – und wer mittragen könnte.

Du musst dich nicht neu erfinden

Vielleicht brauchst du gerade keine große Reise zu deinem „wahren Ich“. Vielleicht brauchst du zunächst einen Abend, der nicht verplant wird, sobald eine Lücke auftaucht. Oder ein Gespräch darüber, wer eine Aufgabe künftig wirklich übernimmt – einschließlich Erinnern, Organisieren und Nachhalten.

Im Job könnte das heißen: „Die Abstimmung kann ich übernehmen. Die zusätzliche Planung und Kontrolle passen nicht auch noch in mein Pensum. Wie verteilen wir das?“ Zu Hause kann es bedeuten, eine Verantwortung ganz abzugeben, statt weiterhin aus dem Hintergrund die Einsatzleitung zu machen.

Solche Gespräche sind nicht immer leicht, und nicht überall hast du gleich viel Einfluss. Entlastung hängt auch davon ab, ob andere Verantwortung übernehmen, Arbeitsbedingungen geändert werden können oder Unterstützung verfügbar ist. Du musst ein Verteilungsproblem nicht als persönliches Versagen behandeln.

Und während du das klärst, darf auch etwas in deinem Leben stehen, das nicht erst nützlich für jemand anderen sein muss. Ein Interesse. Ein Vorhaben. Zeit, in der niemand eine Antwort von dir erwartet.

Bevor du dich auf die Suche nach deinem verlorenen Ich machst, schau ruhig einmal auf die Zuständigkeitsliste. Dort steht womöglich schon ein großer Teil der Antwort.