Netzwerken ist kein Kaffeekränzchen

Über berufliche Kontakte, gute Gespräche und die Frage, warum beim Wort „Networking“ so viele Menschen plötzlich zum Buffet flüchten möchten.

„Netzwerken ist nicht so mein Ding.“

Kann ich verstehen. Wenn du dabei an Namensschilder, Sektgläser und Menschen denkst, die „Wir sollten uns unbedingt mal austauschen“ sagen und dann nie wieder auftauchen, klingt ein freier Abend tatsächlich verlockender.

Aber berufliche Kontakte entstehen nicht nur auf Veranstaltungen. Vielleicht kennst du jemanden aus einem früheren Projekt, mit dem du gern gearbeitet hast. Eine Kollegin aus einem anderen Bereich, deren Blick auf ein Thema dir geholfen hat. Oder eine Person, die dir einmal offen erzählt hat, wie ein Wechsel in ihr Berufsfeld tatsächlich ablief – inklusive der Teile, die auf LinkedIn erstaunlicherweise fehlen.

Das sind keine gesammelten Visitenkarten. Es sind Menschen, mit denen ein weiteres Gespräch möglich wäre. Dafür brauchst du keine neue Persönlichkeit und auch keinen Satz, in dem das Wort „Synergien“ vorkommt.

Small Talk darf klein anfangen

Ein Gespräch über den Kaffee am Veranstaltungsort ist noch kein Scheitern. Small Talk kann ein Anfang sein. Du musst daraus weder sofort eine tiefe Freundschaft noch eine strategische Partnerschaft machen.

Interessant wird es, wenn du irgendwann eine echte Frage stellst: „Wie bist du an dieses Projekt gekommen?“ Oder: „Was war an dem Wechsel anders, als du erwartet hattest?“ Solche Fragen öffnen mehr als die routinierte Vorstellung mit Jobtitel und möglichst beeindruckender Handbewegung.

Nicht jeder Kontakt muss eng werden. Manchmal reicht es, einander professionell zu kennen und sich später an ein gutes Gespräch zu erinnern. Wenn du dich danach meldest, hilft ein konkreter Bezug: „Dein Punkt zu den Abläufen ist mir im Kopf geblieben. Wir haben inzwischen etwas Ähnliches ausprobiert.“ Das klingt nach einem Menschen, der zugehört hat – weil es genau das ist.

Du musst dabei nicht ununterbrochen „Mehrwert liefern“. Wenn jeder Kontakt erst mit einer kostenlosen Beratung, drei Empfehlungen und einer warmen Einführung bezahlt werden muss, wirst du zum Helpdesk mit Profilfoto. Teile etwas, wenn es passt. Frag etwas, wenn du es wissen möchtest. Gegenseitigkeit ist kein Stundenzettel.

Und falls abendliche Veranstaltungen für dich kaum machbar sind: Berufliche Beziehungen entstehen auch während der Arbeit – in gemeinsamen Projekten, fachlichen Gesprächen und durch Menschen, deren Beitrag du wahrnimmst. Der Zugang zu Kontakten sollte nicht davon abhängen, wer nach Feierabend noch drei Stunden und einen Blazer übrig hat.

Frag ruhig. Aber mach es der anderen Person leicht.

Du darfst bei einem beruflichen Kontakt auch etwas wollen. Informationen zum Wechsel in eine Branche. Eine Einschätzung zu einer Rolle. Vielleicht später eine Vorstellung bei jemandem. Das macht das Gespräch nicht automatisch unecht.

Eine Frage wie „Kannst du mir bei meiner Karriere helfen?“ ist allerdings ziemlich groß. Wo soll die andere Person anfangen – bei deinem Lebenslauf oder beim Sinn des Lebens?

Konkreter klingt es zum Beispiel so: „Du bist vor zwei Jahren in den Bereich gewechselt, für den ich mich gerade interessiere. Mich würde interessieren, was dich dabei überrascht hat. Hättest du in den nächsten Wochen 15 Minuten für einen Austausch?“

Darauf kann jemand antworten. Auch mit Nein – und das ist in Ordnung. Eine Anfrage ist keine Eintrittskarte in den Kalender einer anderen Person.

Netzwerken heißt für mich: Gespräche führen, die etwas mit deiner Arbeit oder deinen Interessen zu tun haben, und gute Verbindungen nicht jedes Mal bei null beginnen lassen. Mal ergibt sich daraus eine Gelegenheit. Mal eine neue Sicht auf ein Thema. Und manchmal einfach ein gutes Gespräch.

Der Kaffee kann also bleiben. Den Verkaufsauftritt kannst du dir sparen.